Sepsistherapie
Surviving Sepsis Campaign: International guidelines for management of
severe sepsis and septic shock: 2008
Dellinger RP
Intensive Care Med 2008; 34: 17-60
Crit Care Med 2008; 36: 296-327
Ziel: Update der Surviving Sepsis
Campaign Guidelines 2004
Design: Konsensuskonferenz
Methodik:
Beurteilung der Maßnahmen anhand des GRADE-Systems (Grades of
Recommendation, Assessment, Development and Evaluation)
Stärke der Empfehlung:
1 ... Starke Empfehlung ·: Die wünschenswerten
Effekte einer Maßnahme überwiegen klar die unerwünschten Effekte.
2 ... Schwache Empfehlung o: Die Abwägung
zwischen wünschenswerten und unerwünschten Effekten ist unklarer.
Qualität der Evidenz: gute (A) bis sehr schwache (D) Evidenz
Ergebnisse:
Initiale Stabilisierung und Infektionskontrolle
Initiale Stabilisierung (in den ersten 6 Stunden)
- Unmittelbarer Beginn der Flüssigkeitszufuhr bei Patienten mit
Hypotension oder einem Serum-Laktat > 4 mmol/l, dabei kein Abwarten der
ICU-Aufnahme (1C)
- Ziele der Flüssigkeitszufuhr (1C)
Zentralvenöser Druck 8-12 mmHg
Arterieller Mitteldruck (MAP) ≥
65 mmHg
Harnproduktion > 0,5 ml/kg/h
Zentralvenöse Sauerstoffsättigung > 70 % oder gemischt-venöse
Sauerstoffsättigung > 65 %
- Wenn das Ziel der venösen Sauerstoffsättigung nicht
erreicht wird (2C)
Eventuell mehr Flüssigkeit
Verabreichung von Erythrozytenkonzentraten bis zu einem Hämatokrit
≥
30 %
Dobutamin, maximal 20 µg/kg/min
Diagnose
- Gewinnung von geeigneten mikrobiologischen Kulturen vor Beginn der
antibiotischen Therapie unter der Voraussetzung, dass dadurch die
Verabreichung der Antibiotika nicht verzögert wird (1C)
Gewinnung von
2 oder mehrerer Blutkulturen
Gewinnung einer oder mehrerer Blutkulturen durch perkutane Punktion
Eine Blutkultur von jedem Gefäßzugang (jedes Lumen), der sich länger als 48 Stunden
in situ befindet
Kulturen von anderen Lokalisationen sofern klinisch notwendig
- Prompte Bildgebung, um den Infektionsherd zu bestätigen (1C)
Antibiotische Therapie
- Beginn der intravenösen antibiotischen Therapie so bald wie möglich
und grundsätzlich innerhalb der ersten Stunde nach dem Erkennen der
schweren Sepsis (1D) bzw. des septischen Schocks (1B)
- Breitspektrum-Antibiotika bzw. Antimykotika (1B)
- Tägliche Evaluierung der antiinfektiven Therapie, um die Wirksamkeit
zu optimieren, Resistenzen und Toxizität zu vermeiden und Kosten zu
minimieren (1C)
- Typische Therapiedauer 7-10 Tage; länger bei langsamem Ansprechen,
undrainierbaren Infektionsherden oder Immundefizienzen (1D)
- Beendigung der antiinfektiven Therapie, wenn sich die Krankheitsursache als nicht infektiösbedingt herausstellt (1D)
- Erwägung einer Kombinationstherapie bei
Pseudomonas-Infektionen (2D)
- Erwägung einer Kombinationstherapie bei
neutropenischen Patienten (2D)
- Kombinationstherapie für 3-5 Tage und Deeskalation
nach Keim-Empfindlichkeit (2D)
Identifizierung des Infektionsherds und Sanierung
- Feststellung des Infektionsherds so bald wie möglich (1C) bzw.
innerhalb der ersten 6 Stunden (1D)
- Sanierung des Infektionsherds so bald wie möglich nach initial
erfolgreicher Stabilisierung (1C), Ausnahme: späte chirurgische
Intervention bei infizierter Pankreasnekrose (2B)
- Wahl der Sanierungsmaßnahme mit maximalem Effekt bei minimaler
Gesamtbeeinträchtigung (1D)
- Entfernung von Gefäßzugängen bei potentieller katheter-assoziierter
Infektion (1C)
Hämodynamische Unterstützung und adjuvante Therapie
Flüssigkeitszufuhr
- Verwendung von Kristalloiden und Kolloiden (1B)
- Ziel-ZVD ≥ 8 mmHg (≥
12 mm bei mechanischer Beatmung) (1C)
- Anwendung von Flüssigkeitsbolusgaben (fluid challenge technique)
solange damit eine hämodynamische Verbesserung erzielbar ist (1D)
- Anwendung von Flüssigkeitsbolusgaben zu 1000 ml Kristalloiden oder
300-500 ml Kolloiden über 30 Minuten. Raschere Verabreichung oder größere
Volumina können bei sepsis-induzierter Gewebeminderperfusion notwendig
sein. (1D)
- Reduktion der Flüssigkeitszufuhr bei ansteigenden kardialen
Füllungsdrücken ohne gleichzeitiger hämodynamischer Verbesserung (1D)
Vasopressoren
- Ziel-MAP ≥ 65 mmHg (1C)
- Noradrenalin und Dopamin (jeweils zentral verabreicht) sind die
Vasopressoren der Wahl (1C) mit geringer Bevorzugung von Noradrenalin
- Keine Anwendung von niedrig dosiertem Dopamin zur Nierenprotektion
(1A)
- Anlage eines arteriellen Katheters so bald wie möglich bei allen
Patienten, die Vasopressoren benötigen (1D)
- Adrenalin, Phenylephrin und Vasopressin sollten nicht
initial verwendet werden (2C). Vasopressin (0,03 Einheiten/min) kann
später mit Noradrenalin kombiniert werden.
- Anwendung von Adrenalin als alternativer Vasopressor
im septischen Schock, der wenig Besserung auf Noradrenalin bzw. Dopamin
zeigt (2B)
Inotrope Therapie
- Anwendung von Dobutamin bei myokardialer Dysfunktion (erhöhte
Füllungsdrücke, niedriges Herzzeitvolumen) (1C)
- Keine Anhebung des Herzzeitvolumens auf supranormale Werte (1B)
Steroide
- Erwägung von Hydrokortison bei Erwachsenen im
septischen Schock, wenn die Hypotension wenig Besserung auf adäquate
Zufuhr Flüssigkeit und Vasopressoren zeigt (2C)
- Der ACTH-Stimulationstest wird nicht empfohlen. (2B)
- Hydrokortison ist Dexamethason vorzuziehen. (2B)
- Fludrocortison (50 µg oral 1 x täglich) kann
verabreicht werden, wenn ein Kortikosteroid als Hydrokortison angewendet
wird, das keine relevante mineralokortikoide Wirkung aufweist.
Fludrocortison ist optional bei der Anwendung von Hydrokortison. (2C)
- Graduelle Reduktion der Kortikosteroidzufuhr, wenn
Vasopressoren nicht weiter notwendig sind (2D)
- Hydrokortison-Dosierung < 300 mg/Tag (1A)
- Keine Anwendung von Kortikosteroiden zur Behandlung einer Sepsis
ohne Schock, ausgenommen Patienten, die aufgrund ihrer Vorgeschichte
einer entsprechenden Therapie bedürfen (1D)
Rekombinantes humanes aktiviertes Protein C (rhAPC)
- Erwägung von rhAPC bei Erwachsenen mit
sepsis-induzierter Organdysfunktion und einem hohem Mortalitätsrisiko (APACHE
II > 25 oder Multiorganversagen), wenn keine Kontraindikationen
(siehe Appendix) vorliegen (2B, 2C)
- Keine Anwendung von rhAPC bei Erwachsenen mit schwerer Sepsis und
einem geringen Mortalitätsrisiko (APACHE < 20 oder Ein-Organversagen)
(1A)
Weitere supportive Therapie
Blutprodukte
- Verabreichung von Erythrozytenkonzentraten mit einem Ziel-Hämoglobin
von 7-9 g/dl bei Erwachsenen (1B). Ein höherer Hämoglobinwert kann in
speziellen Situationen erforderlich sein (z. B. bei myokardialer
Ischämie).
- Keine Anwendung von Antithrombin (1B)
- Keine Anwendung von Erythropoietin zur Behandlung
einer sepsis-assoziierten Anämie (1B)
- Keine Anwendung von Fresh Frozen Plasma zur Korrektur
abnormen Gerinnungslaborbefunden solange keine Blutungsneigung besteht
oder invasive Prozeduren geplant sind (2D)
- Anwendung von Thrombozytenkonzentraten bei (2D)
Thrombozyten < 5000 mm-3 auch ohne Blutungsneigung
Thrombozyten zwischen 5000 und 30000 mm-3 und einem
relevanten Blutungsrisiko
Höhere Thrombozytenzahlen (> 50000 mm-3) sind notwendig
bei chirurgischen Interventionen und invasiven Maßnahmen.
Mechanische Beatmung bei sepsis-induziertem ALI/ARDS
- Ziel-Tidalvolumen: 6 ml/kg Körpergewicht (Normalgewicht) bei
ALI/ARDS (1B)
- Limitierung des Spitzendrucks auf ≤
30 cmH2O (~ 30 mbar) (1C)
- Akzeptieren eines erhöhten pCO2, um Spitzendrücke und
Tidalvolumina zu minimieren (1C)
- Adäquate PEEP-Einstellung, um den endexspiratorischen Lungenkollaps
zu vermeiden (1C)
- 45 ° Oberkörperhochlagerung, wenn keine Kontraindikationen bestehen
(1B) bzw. 30-45 ° (2C) zur Minimierung des Aspirationsrisikos
- Anwendung eines Entwöhnungsprotokolls und eines regelmäßigen
Spontanatmungsversuchs (1A)
Spontanatmungsversuch: geringe
Druckunterstützung mit 5 mbar PEEP oder über ein T-Stück
Voraussetzungen für einen Spontanatmungsversuch: Patient ist
erweckbar, hämodynamisch stabil ohne Vasopressoren; keine neuen
potentiell schwerwiegenden Krankheitszeichen, niedrige Beatmungsdrücke;
FiO2-Bedarf, der über eine Gesichtsmaske zugeführt werden
könnte.
- Keine Routine-Anwendung eines Pulmonaliskatheters bei ALI/ARDS (1A)
- Zurückhaltende Zufuhr von Flüssigkeit bei ALI/ARDS, solange keine
Anzeichen einer Gewebeminderperfusion bestehen (1C)
- Erwägung der Bauchlagerung bei sehr hohem FiO2-Bedarf
und potentiell schädlichen Spitzendrücken (2C)
- Erwägung einer nicht-invasiven Beatmung bei Patienten
mit gering ausgeprägtem respiratorischem Versagen und gleichzeitig
bestehender hämodynamischer Stabilität, guter Erweckbarkeit, adäquaten
Schutzreflexen und der Aussicht auf rasche Besserung (2B)
Sedierung, Analgesie und neuromuskuläre Blockade
- Anwendung eines Sedierungsprotokolls mit einem spezifizierten
Sedierungsziel bei mechanisch beatmeten Patienten (1B)
- Intermittierende Bolusapplikation von Sedativa oder kontinuierliche
Zufuhr, um ein spezifiziertes Sedierungsziel zu erreichen mit täglicher
Unterbrechung, um ein Aufwachen zu erreichen (1B)
- Vermeidung einer neuromuskulären Blockade. Überwachung mittels
Train-of-four bei kontinuierlicher Relaxanszufuhr (1B)
Blutzuckerkontrolle
- Verwendung von intravenösem Insulin zur Blutzuckereinstellung nach
der initialen Stabilisierung (1B)
- Ziel-Blutzucker: < 150 mg/dl (8,3 mmol/l), Verwendung eines
validierten Protokolls zur Dosisanpassung (2C)
- Zufuhr von Glukose als Energiequelle und Überwachung des Blutzuckers
in Intervallen von 1-2 Stunden (4 Stunden bei stabilem Verlauf) bei
Patienten, die intravenöses Insulin erhalten (1C)
- Vorsichtige Interpretation von niedrigen Blutzuckerwerten, die mit
Point-of-Care-Geräten unter Verwendung von Kapillarblut ermittelt
wurden, da diese Blutzuckerwerte überschätzen können (1B)
Nierenersatztherapie
- Intermittierende Hämodialyse und kontinuierliche veno-venöse
Hämodialyse (CVVH) werden als gleichwertig betrachtet (2B)
- CVVH ist bei hämodynamischer Instabilität einfacher anzuwenden (2D)
Bikarbonat
- Keine Anwendung von Bikarbonat, um die Hämodynamik zu verbessern
oder den Bedarf an Vasopressoren zu reduzieren in der Behandlung einer
hypoperfusionsbedingten Laktatazidose bei pH-Werten
≥ 7,15 (1B)
Thromboseprophylaxe
- Anwendung von niedrigdosiertem unfraktioniertem Heparin oder
niedermolekularem Heparin (LMWH), wenn keine Kontraindikationen bestehen
(1A)
- Anwendung eines mechanischen Verfahrens (Kompressionsstrümpfe oder
Geräte zur intermittierenden Kompression) bei Kontraindikationen gegen
Heparin (1A)
- Anwendung der Kombination eines pharmakologischen und
mechanischen Verfahrens bei Patienten mit sehr hohem Thromboserisiko
(2C)
- Bevorzugung von LMWH gegenüber unfraktioniertem
Heparin bei Patienten mit sehr hohem Thromboserisiko (2C)
Stressulkusprophylaxe
- Stressulkusprophylaxe mit H2-Blockern (1A) oder
Protonenpumpenhemmern (1B). Vorteile in Form der Vermeidung von oberen
gastrointestinalen Blutungen müssen gegen das erhöhte Risiko einer
ventilator-assoziierten Pneumonie abgewogen werden.
Erwägung einer Therapielimitierung
- Diskussion des Therapieplans mit Patienten und Angehörigen;
Beschreibung der wahrscheinlichen Prognose und von realistischen
Aussichten (1D)
Appendix - Kontraindikationen gegen die Anwendung von rekombinantem humanem aktiviertem Protein C (rhAPC)
rhAPC erhöht das Blutungsrisiko und ist daher in folgenden Situationen
kontraindiziert:
- Aktive innere Blutung
- Hämorrhagischer zerebraler Insult innerhalb der letzten 3 Monate
- Intrakranielle, intraspinale Operationen oder schweres
Schädel-Hirn-Trauma innerhalb der letzten 2 Monate
- Trauma mit einem erhöhten Risiko einer lebensbedrohlichen Blutung
- In situ befindlicher Epiduralkatheter
- Intrakranielle Neoplasie oder Zeichen einer zerebralen Herniation
Eine Thrombozytenzahl ≥ 30000 mm-3
während der Verabreichung von rhAPC wird empfohlen.
Links
Intensive Care Med - Fulltext
Zusammenfassung der Guidelines als
pdf
Surviving Sepsis Campaign
Themenportal: Critical Care Digest
Letzte Änderung:
14.04.2008